Kategorie: Digitalisierung

Auf dem Weg zur technologischen Singularität: Von ultra-intelligenten Maschinen und dem digitalen Ereignishorizont


Die Geschwindigkeit des technologischen Fortschritts ist für Menschen heute kaum mehr greifbar. Zu viel passiert in zu kurzer Zeit in zu vielen Bereichen. Vieles spricht dafür, dass technologischer Fortschritt sogar exponentiell voranschreitet. Das ist auch einer der Gründe dafür, warum für viele Menschen technologischer Fortschritt nicht oder kaum mehr greifbar ist. Menschen tun sich grundsätzlich schwer mit dem Verständnis exponentiellen Wachstums, also auch mit exponentiell voranschreitendem technologischen Fortschritt. 

Von kurzfristigem und langfristigen Missverständnissen

Menschliche Wahrnehmung ist linear. Das ist kaum verwunderlich. Denn für uns Menschen zählt vor allem der Moment. Also das Jetzt und Hier. Das gilt auch in Situationen, in denen das Gesamtszenario einer exponentiellen Dynamik unterliegt. 

Pickt man sich einen beliebigen einzelnen Punkt einer exponentiellen Kurve heraus (vgl. Abbildung 1) und betrachtet man nur diesen einzelnen Punkt, ist die Steigung der exponentiellen Kurve – beschrieben durch eine an die Exponentialkurve angelegte Gerade – an diesem einzelnen Punkt immer linear. Die Steigung ist also konstant

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Abbildung 1: Lineares Wachstum an jedem beliebigen Punkt der Exponentialfunktion.

Übertragen auf unsere Technologie-Diskussion bedeutet das: Betrachtet man nur einen einzelnen Punkt (das Jetzt und Hier) auf der exponentiellen Kurve des technologischen Fortschritts, ist die wahrgenommene Geschwindigkeit des technologischen Fortschritts immer linear – nicht exponentiell. Die häufig unbeachtete Konsequenz: Menschen ÜBERschätzen das, was kurzfristig passiert. Und UNTERschätzen gleichzeitig das, was langfristig passiert! 

Gerade die langfristige Perspektive ist aber besonders spannend und interessant. Denn die entscheidende Frage ist: Was passiert, wenn die exponentielle Kurve in ein nahezu vertikales Wachstum übergeht?

Die technologische Singularität

Irgendwann kommt es – exponentiellen technologischen Fortschritt vorausgesetzt – zur technologischen Singularität. Dies ist der Zeitpunkt, vereinfacht gesprochen, an dem Maschinen so intelligent werden, dass der weitere technologische Fortschritt nicht mehr vorhersehbar ist

Dazu schrieb der Statistiker I. J. Good schon 1965: “Eine ultraintelligente Maschine sei definiert als eine Maschine, die die intellektuellen Fähigkeiten jedes Menschen, und sei er noch so intelligent, bei weitem übertreffen kann. Da der Bau eben solcher Maschinen eine dieser intellektuellen Fähigkeiten ist, kann eine ultraintelligente Maschine noch bessere Maschinen bauen; zweifellos würde es dann zu einer explosionsartigen Entwicklung der Intelligenz kommen, und die menschliche Intelligenz würde weit dahinter zurückbleiben. Die erste ultraintelligente Maschine ist also die letzte Erfindung, die der Mensch zu machen hat.” 

Auch Ray Kurzweil, Chef-Futurologe von Google, sagt die technologische Singularität voraus. Was erwartet Kurzweil? Innerhalb weniger Jahrzehnte werden wird die Intelligenz von Maschinen die Intelligenz von Menschen übertreffen. Und weiter: „So we won’t experience 100 years of progress in the 21st century — it will be more like 20,000 years of progress (at today’s rate). [...] There’s even exponential growth in the rate of exponential growth. Within a few decades, machine intelligence will surpass human intelligence, leading to The Singularity — technological change so rapid and profound it represents a rupture in the fabric of human history. The implications include the merger of biological and nonbiological intelligence, immortal software-based humans, and ultra-high levels of intelligence that expand outward in the universe at the speed of light.“ Die Geschichte der Menschheit wird also disruptiv unterbrochen - und was dann passiert ist unvorhersehbar.

The Last Frontier: Der digitale Ereignishorizont

Mit dem Moment der technologischen Singularität ist ein Ereignishorizont verknüpft. 

Ereignishorizont ist ein bislang vor allem aus der theoretischen Physik bekannter Begriff. Der Ereignishorizont ist in der allgemeinen Relativitätstheorie eine Grenze (genauer gesagt eine Grenzfläche) in der Raumzeit, für die gilt, dass Ereignisse jenseits dieser Grenze prinzipiell nicht sichtbar für Beobachter sind, die sich diesseits der Grenze befinden

Einen Ereignishorizont gibt es beispielsweise bei einem schwarzen Loch. Ein schwarzes Loch ist ein Objekt, das in seiner unmittelbaren Umgebung eine so starke Gravitation erzeugt, dass weder Materie noch Licht- oder Radiosignale diese Umgebung verlassen können. Die Grenze ab der Materie oder Licht- oder Radiosignale sich nicht mehr aus Anziehungskraft des schwarzen Lochs befreien können bezeichnet man als Ereignishorizont. Für externe Beobachter außerhalb, also beispielsweise uns Menschen, sind Ereignisse jenseits dieser Grenze bzw. dieses Ereignishorizontes nicht mehr sichtbar (vgl. Abbildung 2). 

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Abbildung 2: Ereignishorizont der theoretischen Physik (Quelle: www.greiterweb.de).

Ähnlich verhält es sich mit der technologischen Singularität. Auch diese repräsentiert einen Ereignishorizont, also eine Grenze über die wir nicht hinaussehen können. Auch Ray Kurzweil spricht vom Ereignishorizont: „The Singularity is technological change so rapid and so profound that it represents a rupture in the fabric of human history. Some would say that we cannot comprehend the Singularity, at least with our current level of understanding, and that it is impossible, therefore, to look past its “event horizon” and make sense of what lies beyond.

Bezogen auf unsere mathematische Exponentialfunktion (vgl. Abbildung 1) wird die Singularität irgendwo auf dem nahezu vertikalen, senkrechten Teil der Kurve zu finden sein. Man könnte sagen: Zu diesem Zeitpunkt erfolgt der technologische Fortschritt mit nahezu unendlicher Geschwindigkeit. Rein mathematisch betrachtet ist die Exponentialfunktion jedoch nie unterbrochen, wird also auch nach der Singularität weitergehen. Mit Singularität ist also lediglich der Moment gemeint, ab dem für uns Menschen ALLES anders wird.        

Der Turing-Test: Dann wissen wir es! Vielleicht zumindest ... 

Noch ist entscheidender Schritt auf dem Weg zur Singularität allerdings nicht getan. Noch hat keine Maschine je den sogenannten Turing-Test bestanden (Alan Mathison Turing, ein britischer Mathematiker, gilt als einer der einflussreichsten Theoretiker und Pioniere der Computerentwicklung und Informatik). 

Wie läuft ein Turing-Test ab? Bei einem Turing-Test führt ein menschlicher Fragesteller (Person C in Abbildung 3) über einen Computer eine Unterhaltung mit zwei ihm unbekannten Gesprächspartnern - ohne jeglichen Sicht- und Hörkontakt. Dabei ist einer der beiden Gesprächspartner ein Mensch (Person B in Abbildung 3), der andere eine Maschine („Person A“ in Abbildung 3). Beide Gesprächspartner, also der Mensch und die Maschine haben die Aufgabe, den Fragesteller, also Person C, davon zu überzeugen, dass sie ebenfalls denkende Menschen sind. Wenn Person C nach einer intensiven Befragung von A und B nicht klar sagen kann, welcher von beiden die Maschine ist, hat die Maschine den Turing-Test bestanden. Das bedeutet: Der Maschine wird ein dem Menschen ebenbürtiges Denkvermögen unterstellt. Und das wiederum bedeutet dass auf dem Weg zu ultraintelligenten Maschinen und der technologischen Singularität ein entscheidender Schritt getan ist. 

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Abbildung 3: Durchführung eines Turing-Tests (Quelle Abbildung: Wikipedia).


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